Carnevale di Venezia

… bevor es hier im Rheinland richtig losgeht:

Beginnend im 12. Jahrhundert hat sich der venezianische Karneval bis 1797 in
Umfang und Lockerung der Sitten und Gebräuche immer mehr gesteigert.
Der spaßbefreite Eroberer der Serenissima Repubblica di San Marco, Napoleon Bonaparte,
bereitete dem Ganzen in Venedig ein vorläufiges Ende. Nach der Angliederung an Österreich und später
an das Königreich Italien, kam der Karneval zwar langsam wieder auf, aber die prunkvolle Blütezeit
mit dem ausgefallenen, großen Umzügen und die Exzesse während der wochenlangen Feierlichkeiten
waren vorbei. Ende der 1970er-Jahre wurde der Karneval im Rahmen der Biennale wiederbelebt und
von der Touristikbranche aufgriffen und als jährlich wiederkehrende Attraktion fest installiert.

Der Karneval ist nur bedingt mit dem deutschen, inbesondere mit dem rheinischen Straßenkarneval,
Karneval vergleichbar. Gruppen und Einzelpersonen, mit historischen entlehnten Kostümen sind rund
um die Piazza San Marco (Markusplatz) insbesondere zu den sehr frühen Morgenstunden oder im
Rahmen der organisierten Umzüge zu finden. Wir haben das Wochenende, wo teilweise sogar die
Fußgänger in Einbahn-Richtung belenkt werden müssen, gemieden und die Woche vor Rosenmontag
genutzt um uns dieses Schauspiel anzusehen.

 

 

 

Amrum

wer sich den Nordseewind um die Nase wehen lassen will, ist hier genau richtig.
Die Insel hat für mich genau die richtige Größe, um in einem 10-Tage-Urlaub alles
einmal zu sehen und trotzdem noch ausreichend Zeit zu haben, sich mit einigen
Dingen ausführlich zu beschäftigen. Lange Touren über die Sandstrände der Seeseite
und Spaziergänge durch die Salzwiesenlandschaft am Watt lassen den Kopf frei werden
und bieten eine Vielzahl von Fotomotiven.

 

 

Rheinaue Bonn

Zwischen den Stadtbezirken Bonn und Bad Godesberg liegt der Hauptteil einer ehemaligen Auenlandschaft, die für die Bundesgartenschau 1979 umgestaltet wurde und mittlerweile unter Denkmalschutz steht. Das Gesamtgelände ist 160 ha groß und umfasst auch Flächen auf der rechten Rheinseite.

In der Parklandschaft finden regelmäßig Veranstaltungen (z.B.: jeden 3. Samstag im Monat Flohmarkt mit ca. 1500 Ständen, Rhein-in-Flammen, Rockkonzerte, Heißluftballontreffen etc.). Aber auch an den übrigen Tagen kann man hier einen 2-3 stündigen Spaziergang machen, den japanischen Garten genießen, den Schiffen auf dem Rhein nachblicken oder einfach ein bisschen die Seele baumeln lassen … in den Sommermonaten ist man natürlich nicht alleine, aber im Winter hat der Park auch seine Reize und in der Woche ist nicht wirklich viel los.

Duisburg Ruhrort

ein Stadtteil voller Geschichte und Geschichten … unvergessen die Krimis mit Schimanski (alias Götz George).
Ein Bummel durch die Straßen, die Hafenanlagen und entlang des Rheins bietet vielfältige Motive.

Schwarzweiß (Teil 2)

Nach der Einleitung geht es jetzt an die Praxis, also die Umwandlung eines farbigen Bildes in ein schwarzweißes Bild.
Alle im Text befindlichen Bildbeispiele sind am Ende der Seite in größerer Form in der dort integrierten Galerien sichtbar,
dort kann man die Unterschiede nochmals deutlich im Vergleich sehen.

Das ist mein Ausgangsbild
… nicht nur ein geeignetes buntes Bild,
auch das dort verkaufte Eis war 1a 😉

 

 

 

 

 

Dieses Bild wurde in der Software am Computer einfach nur in ein
Graustufenbild umgewandelt und sieht dann so aus.

Blau und Gründ sind fast identisch, man erkennt kaum, dass es sich um 4 sehr verschiedene Farben bei den Eiskugeln handelt. Ich persönlich finde
diese Version nicht besonders gelungen.

Die Automatik hat zwar gemacht was sie sollte, aber halt ohne individuelle Feinabstimmung.

 

 

Bei der unten stehende Version wurden die einzelnen Farbbereiche bzw. Farbkanäle durch individuelle Korrekturen (auf Sicht, nicht per Automatik)
angepasst und man erkennt deutlich 4 unterschiedliche Graubereiche, die für mein Empfinden gut zu den originalen Farben passen.

In der Software kann man nun den Helligkeitswert (Graustufe) jeder einzelnen Farbe punktuell ausmessen.
Die nun grauen Farbbereiche haben, wie die originalen Farben auch, innerhalb der Farbe leicht unterschiedliche Werte.
Eine punktuelle Messung ergab Gelb = 154, Rot = 38, Blau = 45 und Grün = 104

Bei der Umwandlung in Graustufen (1. S/W-Bild) sind die Werte für Grün und Blau in einem Bereich von 62 bis 74,
also sehr eng bei einander und daher optisch kaum von einander zu unterscheiden.

Schwarzweiß (Teil 1)

ja, eines der Themen, das mir besonders am Herzen liegt
… was sicherlich auch an den Galerien unschwer zu erkennen ist.

Mit Schwarzweiß ist im Zusammenhang mit Fotografie natürlich eher nicht sowas gemeint,
obwohl schwarzweiß ist das Bild ja.

Gemeint ist mit Schwarzweiß eine Aufnahme bzw. eine Darstellung, die statt Farben eine Vielzahl
von Graustufen bzw. Helligkeitswerten enthält. Im optimalen Fall 256 (von Wert 0 wie komplett schwarz ohne jegliche Zeichnung,bis zum Wert 255 wie reines Weiß, ebenfalls ohne jegliche Zeichnung) klar differenzierte Graustufen.
Bei diesen Fotos ist die Ablenkung durch Farbigkeit ausgeschlossen, keine Farbe, wie beispielsweise die aktiven Signalfarben (rot, gelb) kann sich trotz kleinem Flächenanteil in den Vordergrund bringen und
vom eigentliche Bildinhalt ablenken. Auch Farbkonkurrenzen, Farbstiche und „falsche Farben“ oder Disharmonien spielen keine Rolle. Farben stören sich nicht gegenseitig oder lenken von der beabsichtigten Bildaussage ab.

Die „Kunst“ besteht darin, die Farbwerte in die „richtige“ Graustufe zu überführen. Überlässt man das einer
Automatikfunktion in der Software oder dem Kreativmodus in der Kamera kann es passieren, dass sich Bereiche nicht
ausreichend voneinander abheben, da die Farben in gleiche oder sehr ähnliche Tonwerte übersetzt werden.
„Richtig“ ist hier natürlich ein Wert, der vom Bildinhalt, aber auch von dem persönlichen Empfinden und Geschmack des
Bildbearbeiters deutlich gesteuert und beeinflusst wird.

Da Schwarzweiß immer eine Abstraktion der Realität darstellt … unsere Augen sehen die Welt normalerweise
in bunten Farben, gibt es auch kein „richtig“ und „falsch“ in klassischen Sinne. Erlaubt ist sicherlich was gefällt und dem
Fotos nutzt, also den Inhalt optimal darstellt. Schwieriger im Sinne von „nicht passend“ oder „nicht glaubwürdig“ wird dies bei Motiven, bei denen jeder die Farbe kennt … eine Tomate beispielsweise. Hier wird der geneigte Betrachter sehr helle, fast weiße Graustufen als „nicht richtig“ einstufen und damit für sich das gesamte Bild als eher „schlecht“ oder „schlecht gemacht“ bewerten.

Der Normalfall … Tomate = rot, Laub = grün, das links stehende Bild wirkt daher auf den Betrachter also möglicherweise „falsch“.
Hier ist das noch klar und nachvollziehbar, könnte vielleicht beim Betrachter noch als künstlerische Freiheit durchgehen, aber bei komplexeren Motiven ist manchmal die Meinung des Betrachters nicht mit der Realität und den Wünschen des Fotografen in Einklang zu bringen

Erlaubt ist trotzdem eigentlich alles, es wird halt nur nicht jedermann gefallen … aber damit kann (und muss) der Künstler leben.

Wie man „richtige“ Schwarzweißumsetzungen machen kann, also einen oder mehrere von vielen Wegen, beschreibe ich im 2. Teil.

 

Animals – Steve McCurry

Steve McCurry / Animals

Internationale Bekanntheit erreichte Steve McCurry durch seine Reportage „Intervention in Afghanistan“, die die Zeit des sowjetischen Engagements an der Seite der machthabenden Putschisten gegen diverse Mujaheddin-Gruppen in den 1980er-Jahren dokumentiert.

Vielen Fotografen und Lesern ist das Porträt des „Afghanischen Mädchens“ bekannt, welches 1985 das Cover des National Geographic Magazins zierte. Auch wenn ich dieses Bild sehr wohl kannte, bin ich auf das weitere Schaffen von Steve McCurry erst durch eine Ausstellung zum Thema Buddhismus gestoßen. In der Völklinger Hütte waren in Verbindung mit einer historischen Buddhismus-Ausstellung 30 Fotos im Format von ca. 2×3 m ausgestellt, die durch ihre lebendige Farbigkeit einen tollen Kontrast zu den grauen Betonwänden der eindrucksvollen Industriekulisse bildeten. Die leuchtenden, kräftigen Farben der McCurry-Bilder lassen seine Themenwelten und Motive lebendig und authentisch wirken, ohne bunt und kitschig zu sein. Bis zum Produktionsende hat McCurry mit Kodachrome-Filmen gearbeitet, er verfügt über ein Archiv von mehr als 800.000 Kodachrome-Dias.
McCurrys Hauptinteresse gilt den Menschen mit ihrer typischen Kleidung, sichtbarem und authentischem Umfeld, passenden Gegenstände, erkennbaren Örtlichkeiten und Hintergründen. Viele seiner Porträts werden erst dadurch zu dem was sie sind.
In vielen Situationen ist der Mensch in seinem beruflichen Umfeld, in seinem Alltag oder in seiner Freizeit umgeben oder begleitet von Tieren. So hat er auch Menschen mit Tieren und Tiere alleine fotografiert. Diese Fotos hat McCurry nun zusammengestellt und in dem Buch Animals veröffentlicht. Um es direkt zu sagen, wer ein Tierbestimmungsbuch oder eine Hochglanz-Tierpark-/Wildlife-Beauties-Buch erwartet, der wartet umsonst. Die Tiere in „Animals“ sind aus dem Leben gegriffen, ungeschönt, alltägliche Tiere, die McCurry bei seinen Reportagen in den jeweiligen Regionen fand.

McCurry erzählt Geschichten in Bildern, so dass in dem Buch die Rolle der Tiere … als Partner, Freund, Arbeitstier, Besitz oder Statussymbol … oder auch alleine ohne Menschen, anders gesagt: an Stelle des Menschen dargestellt wird. Sie nehmen teils gewichtige Rollen im sozialen Gefüge ein, teils sind sie zunächst nur Beiwerk. Oft sind sie erkennbare Individuen mit Gefühlen, Würde und sozialem Stand, manchmal auch die alleinigen Hauptakteure im Bild. So sind beispielsweise Fotos von Tieren enthalten, die sich in kriegszerstörten Gebieten bewegen und sich in dieser vom Menschen verursachten Ödnis in ihrer Freiheit erst orientieren müssen um zu überleben.
Das Buch zeigt eine bunte Auswahl sehr unterschiedlicher, ausdrucksstarker Bilder, insbesondere wenn das Verhältnis von Mensch und Tier unmittelbar im Bild dargestellt wird. Bilder, die Mensch und Tier als Partner zeigen, sind besonders emotional ansprechend, denn häufig übernehmen hier Tiere die Rolle eines anderen Menschen als Partner. In einigen Bildern ergeben sich humoristische Elemente, da man Mensch und Tier in Rollen sieht, die man eigentlich so nicht erwartet. Hunde, die mit dem Menschen gemeinsam in die Lektüre der Zeitung vertieft zu sein scheinen, oder einen Affen, der dem Menschen kritisch beim Malen von Zeichen beobachtet. Auch Parallelitäten, wie das doppelstöckige Schläfchen mit ähnlicher Pose von Mensch und Hund, verursachen ein Schmunzeln.

Es sind Fotos zu sehen, wo das Tier Schutz und Zuflucht beim Menschen sucht, versorgt und behütet wird. Genauso sind aber auch Bilder zu sehen wo der Mensch sich in die Geborgenheit eines Tieres begibt, wie der Junge der sich an ein Rind kuschelt und schläft. Die enge, über Jahrtausende gewachsene Verbindung zwischen dem Mensch und den Haus- und Nutztieren wird in vielen Bildern deutlich. Manchmal sind die Tiere auch nur Zierde ihres Besitzers, wie der rosa Pudel auf dem Boulevard oder die Reptilien auf den nackten Oberkörpern junger Männer.

Einzelne Bilder habe ich über einen längeren Zeitraum betrachtet um die Szene nach und nach in Gänze zu erfassen, nach einem kurzen Blick sieht man zwar das Hauptsujet, aber es verbergen sich in den Bildern häufig weitere Informationen, die das Bild erst komplettieren. Mich regen viele der Bilder zum Nachdenken an, was sehe ich eigentlich genau, sehe ich das was der Fotograf mir zeigen will oder gibt es eine Geschichte im Bild, die ich entdecken kann. Das Buch ist für mich nicht nach dem ersten Anschauen abgelegt, ich nehme es immer wieder und suche mir ein Bild raus, welches ich dann für mich genau betrachte und versuche das Gesehene zu analysieren. Ich glaube das kann ich auch lange Zeit immer wieder mal machen, ohne dass Langeweile aufkommt … dafür sind die Bilder einfach zu vielfältig. Insbesondere das Titelbild als Initial lässt bei mir eine ganze Geschichte ablaufen. Ich fühle mich sehr unmittelbar in das Dschungelbuch versetzt, seine Charaktere ziehen vor meinem geistigen Auge auf.

Das hochwertige Papier des Buches hat eine eher seidenmatte, ganz leicht strukturiert wirkende Oberfläche. Die Strukturen, Kanten und Flächen sind detailreich, aber nicht aufdringlich und übertrieben abgebildet. Ein wenig fühlt man sich auch bei den neueren Bildern in analoge Zeiten versetzt. Der Verzicht auf Hochglanz in Verbindung mit einer eher sanften Farbigkeit unterstreicht die Ruhe, die man zum Genießen des Buches haben sollte. Spiegelungen treten kaum auf, aber man sollte eine ausgewogene Beleuchtung zum Betrachten der Bilder haben.
Das knapp über dem DIN-A4-Format liegende Buch hat einen hochwertigen Einband mit Prägeschrift und Schutzumschlag. Es ist in Fadenbindung gefertigt und lässt sich sowohl gut umblättern als auch aufschlagen. Neben vielen DIN-A5-Bildern sind auch ganzseitige und doppelseitige Bilder enthalten.
Das Buch enthält nur sehr wenig Text. Ein paar einleitende Worte des Fotografen, einige passende Zitate, alles auf Englisch … das war´s. Meiner Ansicht nach reicht das auch, denn die Fotos im Buch sprechen für sich. Am Ende ist zu einigen Fotos noch eine zusätzliche kurze Information auf Englisch, Deutsch und Französisch enthalten. Dies ist für mich das einzige kleine Manko, ich hätte mir noch zu einigen weiteren Bildern zumindest ein klein wenig mehr Information am Ende des Buches oder als Einleger gewünscht.

Ich persönlich kann dieses Buch jedem Freund reportageartiger Fotografie empfehlen, für die Freunde der Fotografie von Steve McCurry ist es fast schon ein must-have.

Exodus + Children – S. Salgado

Exodus und Genesis

Exodus, der lateinische Name für das 2. Buch Moses, in dem die Geschichte des Auszugs des Israeliten aus Ägypten geschildert wird und Genesis, der altgriechischen Bezeichnung für die Geburt und die Schöpfung, das auch das erste Buch Moses und damit den Anfang der christlichen Bibel bezeichnet, haben nicht nur biblische Gemeinsamkeiten.

Beides sind Titel monumentaler Bildbände des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado, der 2019 als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Salgado, der als sozialdokumentarischer und –kritischer Fotograf aktiv ist, war auch im Auftrag von Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ und „Survival International“ sowie für die Bildagentur Magnum und das New York Times Magazin tätig.

In seinen selbst ausgewählten Langzeitprojekten entstanden eindrucksvolle und ästhetische Schwarzweißfotos, die er in mehreren Büchern veröffentlicht hat. Auch wenn die Themen der Bücher unterschiedlich sind, zeigt sich doch überall sein Engagement für Menschen in Not und bedrohte Natur.

Auch wenn eigentlich die Genesis vor dem Exodus steht ist die Geschichte der Bildbände eine andere.

In Exodus, das erstmals unter dem Titel Migranten im Jahre 2000 erschien und eindrucksvolle, dramatische Bilder der damaligen Flucht- und Migrationsbewegungen beispielsweise aus Afrika, Asien und dem ehemaligen Jugoslawien enthielt, wurde 2016 neu aufgelegt. Salgado schildert in seinem Vorwort zur 431-seitigen Neuauflage, dass er erschüttert feststellen musste wie sehr sich die Bilder aus den 90er Jahren und die Situation im Jahre 2015 glichen. Das großformatige Buch (24,8×33 cm) enthält analoge Fotos, teils doppelseitig teils 2-3 Bilder auf einer Seite, die sicher nicht zum einfachen Durchblättern gedacht sind. Wegen der Größe und des Gewichts, aber auch wegen des Inhalts,  eignet sich das Buch nicht für die schnelle Nachtlektüre im Bett. Es ist im Grunde genommen ein Coffee-Table-Book, das man in Ruhe bei einer guten Tasse Kaffee, auf dem Tisch liegend betrachtet. Die Fotos benötigen Zeit, Zeit das Gesehene zu analysieren, Zeit darüber nachzudenken und seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Exodus gliedert sich in 4 Themenbereiche:

  • Migranten und Flüchtlinge:
    Der Überlebensinstinkt
  • Afrikanische Tragödie:
    Kontinent der Entwurzelten
  • Lateinamerika:
    Landflucht und Chaos in den Städten
  • Asien:
    Das neue urbane Gesicht der Welt

Wenn man die Bilder, die ohne weiteren Text auf den Seiten stehen, in Ruhe betrachtet, kann man Details entdecken, auf scheinbare Nebensächlichkeiten achten und weiter über das Gesehene nachdenken … immer im Licht der historischen Ereignisse, die vielen Lesern noch präsent sein dürften. Hilfreich ist auch der beiliegende Begleittext, der Informationen über den Inhalt und den Kontext der abgebildeten Personen und Szenen sowie die Rahmengeschehnisse enthält.

So vielfältig die Ursachen für Flucht, Vertreibung und Migration sind, so unterschiedlich sind auch Salgados Bilder. Die meisten der Bilder zeigen Menschen. Menschen vor Mauern, die ein Weiterkommen unmöglich machen, Menschen hinter Gittern und Stacheldraht, Menschen in armseligen Camps, die niemals Ziel und Hoffnung waren.
Dazu gehören insbesondere im Themengebiet „Afrikanische Tragödie“ auch erschöpfte, hungrige, leidende, sterbende und tote Menschen … nur Salgados Wahl der Schwarzweißdarstellung lässt zwar eine gewisse Distanz zu und macht das Betrachten zumindest ein wenig leichter und erträglicher.

Salgados Bilder halten dem Betrachter einen Spiegel vor, sie fördern und fordern ein Nachdenken über das Gesehene und zeigen welchen Weg Teile der Menschheit unter Zwang und großen Entbehrungen gehen. Die gleichen Bilder in Farbe wären, mal abgesehen von der bewussten und gezielten Nutzung vom Schwarzweiß-Film durch Salgado, für viele Betrachter schockierend, ein intensiveres Betrachten wäre ihnen vielleicht unmöglich und letztlich wäre Salgados mögliches Ziel nicht erreichbar.

Natürlich sind die Gründe für eine geregelte und organisierte Migration, die als Ziel ein besseres Leben in einer anderen Gesellschaft –und deren Zustimmung- hat, und damit auch die gezeigten Bilder, andere als die, die Menschen im Kampf um das nackte Überleben oder auf der Flucht vor einer konkreten Lebensgefahr zeigen. Dies wird für mich insbesondere in den ersten beiden Teilen des Buches deutlich. Es sind aber auch Bilder von Menschen in ihrem Lebensumfeld zu sehen, die trotz der widrigen Umstände und Gefahren, in gewisser Weise noch Optimismus, Hoffnung und Würde ausstrahlen. Das Umfeld der Menschen und der Geschehnisse wird in die Fotos einbezogen oder als Einzelbild einer Fotoserie dargestellt. Effekthascherei fand ich in den Bildern nicht, auch wenn mich einige Bilder sehr betroffen zurückgelassen haben. Salgado fotografiert sicherlich sehr gezielt und der Aufbau seiner Bilder ist für mich stets durchdacht.

Es sind keine zufälligen Bilder, die einzelnen Fotos und Szenen erfüllen einen Zweck und haben einen inneren Zusammenhang, der sich mindestens über das jeweilige Kapitel, manchmal aber auch über das gesamte Thema des Buches, erstreckt.

Im dritten Teil sind teils Bilder einer fragilen, indigenen Gemeinschaft zu sehen, deren Bedrohung durch die Auswüchse der Zivilisation mit ihrem Hunger nach Land und Bodenschätzen bedroht ist. Erst beim Nachdenken über das dort Gezeigte kommt man wieder zu den Bildern im ersten Teil des Buches und damit zur drohenden Gefahr, auch wenn sie nicht sichtbar ist.

Im vierten Teil wird vielfach das Leben der Gestrandeten an den Rändern der großen Städte, die Ziel der Hoffnung waren, gezeigt. Auch hier ist der Betrachter gefordert sich vorzustellen, wie schlimm die Zustände am Ausgangspunkt der sicherlich langen, gefährlichen und entbehrungsreichen Reise waren, um sich letztlich mit diesen Umständen zu arrangieren.

Das Thema wird von Salgado sehr vielschichtig in seinen Bildern gezeigt. Teilweise sichtbare Körnung und Unschärfe sowie harte Hell-Dunkel-Kontraste sind sicherlich nicht nur der damaligen Qualität höherempfindlicher Filme geschuldet, sondern werden auch gezielt als Stilmittel eingesetzt. Beispielsweise ist auf einer Doppelseite in 4 Bildern die Landung eines Flüchtlingsbootes erkennbar. Erkennbar, denn hier werden keine technisch und gestalterisch präzisen Fotos genutzt, sondern es scheinen Bilder einer mitlaufenden Filmkamera zu sein … sie unterstreichen die Heimlichkeit, die Gefahr und den Ablauf der Aktion.

Parallel zu Migranten/Exodus hat Salgado das 125-seitige Buch Children -Kinder der Migration- herausgebracht.
Das Buch, das es eigentlich gar nicht gibt. Salgado hatte laut seinem Vorwort eigentlich nicht vor diese Bilder zu veröffentlichen. Er hatte die Bilder im Rahmen seiner Reisen und Reportagen zu Exodus gemacht, die Kinder mochten es fotografiert zu werden und er konnte danach weiter an seinem Thema arbeiten. Nach dem Entwickeln der Filme erkannte er die Faszination, die in diesen Porträts steckt. Die 90 porträtierten Kinder strahlen Sorgen, Ängste, Ernsthaftigkeit und Würde aus. Die Kinder sind auf den Bildern nur sie selbst, eigene und starke Persönlichkeiten, mit all ihrer Verletzlichkeit, ihrer Unsicherheit und ihren Wünschen.

Obwohl ihre Lebenssituation zum Zeitpunkt der Fotos alles andere als gut und ihre Zukunft nicht gesichert ist, haben einige Gesichter sogar einen leichten Anflug von Optimismus.Die Kinder blicken direkt in die Kamera und insbesondere ihre Augen beindrucken mich. Was mussten diese Augen schon alles sehen, wohin schauen diese Augen … man kommt bei fast jedem Bild ans Nachdenken. Insbesondere wenn man dieses Buch in Verbindung mit Exodus betrachtet. Ein sehr intensives Seherlebnis, auch wenn die Motive, anders als bei Exodus, thematisch und inhaltlich sehr ähnlich sind.Exodus erfährt mit Children eine Erweiterung, bildlich aber auch inhaltlich … es geht um diese Kinder, die nächste Generation, die Zukunft … für manche Eltern der Grund den Exodus auf sich zu nehmen.  Für mich gehören diese beiden Bücher einfach zusammen.

 

Nutzung der Fotos mit freundlicher Genehmigung des TASCHEN Verlags.

Informationen zu den Büchern

Sebastião Salgado. Exodus
Sebastião SalgadoLélia Wanick Salgado
Hardcover mit Begleitheft, 24,8 x 33 cm, 432 Seiten
ISBN 978-3-8365-6130-3
Verlag: Taschen
Preis: 50 Euro
Sebastião Salgado. Kinder/Children
Sebastião SalgadoLélia Wanick Salgado
Hardcover, 24,8 x 33 cm, 124 Seiten
ISBN 978-3-8365-6136-5
Verlag: Taschen
Preis: 40 Euro

 

 

Genesis – S. Salgado

Genesis

Genesis ist Salgados 500-seitige fotografische Liebeserklärung an die Schöpfung und zeigt einmalige Fotos von Teilen der Welt, die von der Zivilisation mit ihren negativen, zerstörerischen Auswirkungen nicht berührt oder nachhaltig geschädigt worden sind.

„Eine Hommage an die Größe der Natur“, so Salgado in seinem Vorwort zum Buch.

Nach langjähriger Beschäftigung mit den Themen Armut, Flucht, Vertreibung, Elend und Tod –welche insbesondere auch in seinem Werk Exodus (Link zur Rezension) dargestellt sind- machte Salgado für sich einen thematischen Neuanfang, das Langzeitprojekt Genesis nahm Gestalt an und war nach neunjähriger Arbeit mit 32 Reisen in die Zielgebiete vollbracht und konnte in Form eines Buches und einer Wanderausstellung dem Publikum zugänglich gemacht werden.

Gen 1,4
Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis

Die für Salgado typische Darstellung in Schwarzweiß ist im 2013 erschienen Buch des Taschen-Verlages in hoher Qualität umgesetzt. Insbesondere die Lichter erscheinen im Druck mit einer guten Durchzeichnung und sehr fein differenzierten Details. Die Schatten und dunklen Bereiche der Fotos lassen ausreichend Inhalte erkennen, sie laden zum langsameren und intensiveren Entdecken des Bildes ein, da sie nicht so deutlich und unmittelbar ins Auge springen wie die Inhalte der Lichterbereiche in den Bildern. Die aller meisten Fotos selbst sind schön, damit meine ich gestalterisch gut aufgebaut, perfekt belichtet und ausgearbeitet. Für die einen zeigen Salgados Genesis-Fotos nur heile Welt, andere sehen hier mehr… einen unschätzbaren Moment festgehalten, um genau das zumindest fotografisch zu bewahren.

In Verbindung mit dem dokumentarischen Schwarzweiß, das die Wirklichkeit ja in gewisser Weise verändert und ausblendet, ergibt sich für mich der pathetische Stil Salgados, der sich fast durchgängig bei all seinen Bildern wiederfindet. Salgado richtet mit jedem seiner veröffentlichten Bilder einen Appell an den Betrachter … dieser kann ihn verstehen und für sich akzeptieren oder ignorieren und ablehnen. Auf mich wirken seine Bilder, ich betrachte die Bilder recht lange und manchmal setzt ein längeres Nachdenken ein. Fühle ich mich dadurch manipuliert? Nicht im negativen Sinne, aber bei einzelnen Bildern wird durch die Art der Darstellung ein Prozess angeschoben, der bei mir deutlich über das reine Betrachten eines schönen Bildes hinausgeht.

Innerhalb des Genesis-Projektes ist Salgado auf die digitale Fotografie umgestiegen. Auch wenn  sein Postprocessing schon immer sehr gut war, die digitalen Negative erlauben noch deutlich mehr Perfektion im fertigen Bild. Man sollte sich aber nicht täuschen, der Versuch einen Abdruck eindeutig als analog oder digital zu erkennen ist keine wirklich einfache Sache und im Grunde genommen auch nicht wichtig.

Die Bilder sind zumeist ganzseitig oder doppelseitig abgebildet. Leider ist in einigen Fällen die produktionsbedingte Buchfalz störend oder bildbeeinträchtigend. Einige Seiten sind ausklappbar und enthalten kleinformatigere, zusammengehörende Fotos, die durch die Tableaudarstellung ihre Wirkung entfalten. Ausdrucksstarke Porträts von Menschen und Tieren, weite Landschaften, bizarre Strukturen und Formen sowie detailreiche Pflanzen und Lichtstimmungen finden sich den Aufnahmen im Buch.

Im Buch befindet sich ein 35ig-seitiger Einleger mit Informationen zu den einzelnen Fotos.

Das Buch gliedert sich in folgende Bereiche:

  • Im Süden der Erde

  • Zufluchtsorte

  • Afrika

  • Nördliche Welten

  • Amazonien und Patanal

Jedem Bereich vorangestellt ist eine 2-3 seitige Einleitung mit Hintergrundinformationen.

Es verwunderte mich leider wenig hier keine Bilder aus Europa oder den Vereinigten Staaten gefunden zu haben. Die Industrialisierung, der Fortschritt und damit unser Wohlstand und unsere aktuelle Lebensweise lassen nur wenig Raum für derartige Fotos… wenngleich auch in Europa noch kleine Paradiese und geschützte Bereiche existieren, die man suchen, finden und fotografisch darstellen kann. Vielleicht ist das genau die Chance, die sich für jeden einzelnen Leser des Buches auftut. Die gezielte und strukturierte fotografische Darstellung der eigenen Lebenswelt, mit der man sich intensiv beschäftigt, deren Schönheit man erkennt und bewahrt, die Motiv und Ansporn für die eigene fotografische Arbeit sein kann.

Ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit die Ausstellung zu Genesis im Berliner C/O zu besuchen. Die großformatigen, qualitativ ausgezeichnet gedruckten Bilder, brachten ein noch deutlich über das Buch hinausgehendes Seherlebnis. Auf den Drucken kamen auch feinste Details und Nuancen heraus, das Auge hatte neben dem Eindruck des Gesamtbildes noch eine Menge zu entdecken. Der Andrang war damals recht hoch, die Räume vielleicht nicht optimal für die Menge der Bilder, aber es hat sich definitiv gelohnt. Ich hoffe diese Ausstellung wird irgendwann mal erneut in erreichbarer Nähe zu sehen sein.

Bei Salgado haben die intensive Fotografie und seine Beschäftigung mit den fotografischen Themen Veränderungen hervorgerufen. Dies schildert er in einer sehr persönlichen und berührenden Weise in Wim Wenders ausgezeichnetem Film „Das Salz der Erde“, den ich hier nachdrücklich empfehlen kann.

Mehr über Salgado, seine Arbeit und seine Sicht auf die Welt finden sich auch in folgenden Interviews mit oder über Salgado:

https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/salgado-interview/

https://www.deutschlandfunk.de/friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-er-hat-nie-mit.691.de.html?dram:article_id=451639

http://www.philipp-lichterbeck.com/interviews/dahin-wo-es-wehtut-sebastiao-salgado

https://www.theguardian.com/artanddesign/2004/sep/11/sebastiaosalgado.photography2

 

Nutzung der Fotos mit freundlicher Genehmigung des TASCHEN Verlags.

Informationen zum Buch

„Genesis“ von Sebastião Salgado
Sprachen: Deutsch
Einband: Hardcover
Seiten: 520
Maße: 25,8 x 36,43 cm
Verlag: Taschen
Preis: 60 €

Gold – S. Salgado

Aurum … das chemische Element mit der Ordnungszahl 79 oder auf deutsch GOLD. 

Dies ist der Titel des neuen Buches von Sebastiao Salgado, welches im Juli 2019 im Taschen-Verlag erschienen ist.

Das Buch zeigt Salgados vollständiges Portfolio das in der Goldmine von Serra Pelada, dem „Kahlen Berg“ am Rand des brasilianischen Amazonas-Regenwaldgebietes, im Jahre 1986 entstanden ist. Das 208-seitige Buch im Format 24,8 x 33 cm enthält neben einem informativen Vorwort des Fotografen und einem Nachwort des Co-Autors Alan Riding zumeist großformatige Schwarzweißbilder  (20×30 cm und doppelseitige Abdrucke).

Zur damaligen Zeit dominierten Farbbilder die Printmedien, aber Salgado hat sich bewusst für die schwarzweiße Darstellung entschieden und hat damit nicht nur das New York Times Magazin überzeugt. Diese Art der künstlerischen Darstellung hat Salgado auch in seinen späteren Langzeitprojekten beibehalten.

„Was hat dieses leblose gelbe Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen und einen ganzen Kontinent zu durchqueren, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?“
– Sebastião Salgado (aus Pressetext Taschenverlag)

Menschen, die auf den meisten Bildern zu sehen sind, werden durch die Größenunterschiede abstrahiert, je nach Betrachtungsabstand sieht man zunächst nur Linien, Punkte und Flächen. Erst durch die Annäherung und eine genaue Betrachtung werden die Punkte wieder zu Individuen, die Linien zu Leitern und schmalen Pfaden am Abgrund, die Flächen zu Erde und Gestein.

 

 

 

 

Die Bilder enthalten viele kleine Details, die es zu finden und zu entschlüsseln gilt. Es gilt aus dem Gewimmel hunderter und tausender Menschen das komplexe System des primitiven Goldabbaus mit all seinen Schwierigkeiten und Gefahren zu erkennen.

Durch den Verzicht auf die farbige Darstellung der ockerfarbenen, eisenhaltigen Erde, die die garimpeiros, von Kopf bis Fuß eingehüllt hat, gelingt eine sehr kontrastierte und fein abgestimmte Durchzeichnung von Details. Gerade in den erschöpften Gesichtern der Männer, der Muskulatur, den Werkzeugen und Leitern und an ihrer durchnässten Kleidung wird dies deutlich.

Die optische Suche nach Details und Informationen wird nicht durch eine einheitliche, schlammfarbene Eintönigkeit abgelenkt oder fehlgeleitet. Details, wie Werkzeuge, Steine, Schuhe, Kleidung, Waffen und Gesichter bleiben auffindbar und erkennbar.

Auch wenn der Goldrausch längst vorüber ist und die Mine, in der früher bis zu 50000 Männer lebten und schufteten, um ein kleines Stück vom großen Glück zu bekommen, geschlossen ist, wirkt er heute noch nach.
Ca. 30 Tonnen Gold im Wert von ca. 400 Mio. $ hat die Mine, die nun ein 200 m tiefer, vergifteter See ist, abgeworfen. Der intensive Einsatz von Quecksilber zur Goldgewinnung hat die Umwelt nachhaltig geschädigt und eine tote Landschaft hinterlassen.

„Salgados Fotografien sind von einer zeitlosen Unmittelbarkeit. Wir wissen zwar, dass die Mine in Serra Pelada mittlerweile geschlossen ist, doch das ganze Drama des Goldrausches ist in ihnen noch lebendig.“ — Alan Riding (aus Pressetext Taschenverlag)

Für mich ein echtes Reportage-Highlight mit beeindruckenden Schwarzweißfotos auf hochwertigem Papier.
Jörg Wilhelm

 

TASCHEN
Sebastião Salgado. Gold

Sebastião Salgado, Lélia Wanick Salgado, Alan Riding
Hardcover, 208 Seiten € 50
Ebenfalls erhältlich als signierte und limitierte Collector’s Edition, sowie als Art Edition.